Tugend 22: Bescheidenheit

Bescheidenheit und ihr Gegenpart die Unersättlichkeit sind wie zwei Jungvögel in einem Nest. Ihre Mutter kommt mit Futter im Schnabel zum Nest. Der eine hält sich bescheiden im Hintergrund, der andere reißt seiner Mutter die dicksten Brocken aus dem Schnabel, verschlingt sie gierig und reißt schon wieder seinen Schnabel weit auf, wie einer, der kurz vor dem Verhungern ist. Der im Hintergrund, der Bescheidene, erhält zwar nur wenig Futter, ist aber mit dem zufrieden, was er bekommt.

Bescheidenheit ist verbunden mit Gierlosigkeit; Völlerei hingegen mit Gier. Der Bescheidene braucht nicht viel und ist mit wenig zufrieden; der, der der Völlerei ergeben ist, braucht viel und ist mit nichts zufrieden.

Bescheidenheit ist Bedürfnislosigkeit, Anspruchslosigkeit, Genügsamkeit, Mäßigkeit, Einfachheit, Wunschlosigkeit, Zufriedenheit. Völlerei ist Zügellosigkeit, Hemmungslosigkeit, Maßlosigkeit, Unersättlichkeit, Prasserei, Unzufriedenheit.

Völlerei ist wie im Beispiel des Vogels der ständig aufgerissene Schnabel, in dessen Schlund alles gierig verschwindet ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Ein unersättlicher, schwarzer Schlund, dazu gierige Augen, ein geifender Schnabel und ein forderndes, aufdringliches Verhalten.

Bescheidenheit hingegen ist ein Gesicht, auf dem sich Zufriedenheit und Wunschlosigkeit ausdrücken. Der Mund ist geschlossen, weich und entspannt. Das Verhalten ist zurückhaltend und ohne jegliches Verlangen.

Völlerei entsteht dann, wenn ein Wesen permanent „hungrig“ ist und keinen Zustand der Sättigung und Zufriedenheit erreichen kann. Aus dieser Situation heraus entsteht die Gier, die wiederum zu einem maßlosen, hemmungslosen und zügellosen Verhalten führt. Es ist, als ob der von Völlerei Besessene kurz vor dem Verhungern ist und glaubt, durch immer mehr in sich hinein stopfen würde der ihn peinigende Hunger gestillt. Dabei begreift der Besessene aber nicht, dass es sich um keinen physischen Hunger handelt, sondern um einen Hunger nach göttlicher Nahrung, insbesondere nach der Liebe und dem Frieden.

Bescheidenheit drückt sich nicht nur auf dem Gesicht des Menschen, sondern auch in seinem Verhalten aus. Der Bescheidene ist zurückhaltend – er drängt sich nicht vor und macht sich nicht wichtig, wie es der Gierige und der Völlerei zugewandte Mensch tut. Die Ausstrahlung des Bescheidenen ist schlicht, einfach und angenehm. Der Gierige und Maßlose hingegen hat eine wuchtige, fordernde und unangenehme Ausstrahlung.

Die Genügsamkeit des Bescheidenen begründet sich darauf, dass er genug hat von all dem, was die Wesen sich wünschen oder gar fordern. Er ist nicht hungrig und gierig, sondern satt und daher frei von Gier oder Begierden. Bescheidenheit und Genügsamkeit kann sich auf Essen und Trinken beziehen, auf Kleidung, auf Geld, auf Vergnügungen, auf Karriere, aber auch auf Wissen. Ständige Gier auf neues Wissen oder neue Abwechslungen, sogenannte Neugierde, ist keine Wurzel des Göttlichen, sondern eine Wurzel des Übels.

Der Bescheidene ist weder neugierig noch desinteressiert an Neuem. Er giert weder nach dem einen noch ist dem anderen gegenüber gleichgültig eingestellt, sondern er handelt nach dem goldenen Mittelmaß. Der Gierige giert und ist damit in der einen Polarität; dem Trägen ist alles egal und damit ist er in der anderen Polarität. Der Bescheidene hingegen bewegt sich in der goldenen Mitte und nimmt all das, was sein übergeordneter Lebens- und Inkarnations-Plan bzw. seine göttliche Führung  für ihn bereit hält, an. Er ist offen für alles, ohne jedoch nach irgendetwas zu gieren oder zu verlangen. Er ist voller Hingabe, Demut und Gottvertrauen.

Es gibt einen alten Spruch, der lautet: „Bescheidenheit ist eine Zier!“ Die Ego-Menschen des Dunklen Zeitalters haben ihn nach ihrer Facon geändert in: „Bescheidenheit ist eine Zier, aber weiter kommst du ohne ihr!“ Damit zeigt sich der Stellenwert der Bescheidenheit im Dunklen Zeitalter in der L’Egoland-Welt, in der ein Karrierestreben absolut konträr zur Bescheidenheit steht, denn der ehrgeizige Karrieremensch muss sich durchsetzen, muss fordern, muss unersättlich sein, muss sein wie der gierige Vogel im Nest, der mit aufgerissenem Schnabel dasitzt und danach giert, dass ihm andere Futter hineingeben.

In einer Gesellschaft des Egoismus bringt es der Bescheidene nicht weit. Jedoch ist es die Frage, ob es der Karrieremensch weiter bringt, ob es ihm dadurch besser geht, ob er damit glücklicher wird. Die Karrieregier ist ein Fass ohne Boden, denn der Karrieresüchtige ist niemals zufrieden, denn Karriere kann niemals Zufriedenheit vermitteln. Da sie eine Gier bzw. eine Sucht ist, will der Karrieresüchtige immer mehr, wie der unersättliche Vogel, der irgendwann alle anderen Vogelgeschwister aus dem Nest wirft, damit er allein, den Platz von allen einnehmen kann. Doch auch das nutzt ihm nichts, denn er hat immer weiter Hunger und wird von seiner Gier und seinen Begierden von innen her aufgefressen.

Der Bescheidene und Genügsame hingegen führt ein Leben in Ruhe und Frieden. Er wird nicht umher getrieben und von innen her zerfressen. Auch mit Bescheidenheit und Genügsamkeit kann ein Mensch im Leben vorankommen. Es ist nur die Frage, auf welche Weise er vorankommt, ob er eine sogenannte „berufliche Karriere“ macht oder ob er auf seinem Inkarnationszyklus bzw. seinem göttlichen Auftrag, und damit im göttlichen Sinne, vorankommt. Bescheidenheit ist die Treppe zum Himmel; Gier/Völlerei ist die Treppe zur Hölle. Jedes Wesen kann selbst entscheiden, welche Treppe es besteigen möchte. Es gibt keine Treppe dazwischen, denn es gibt nur zwei Polaritäten in diesem Universum: Gut und Böse, Weiß und Schwarz, Frieden und Krieg. Es gibt keine Alternative, kein Dazwischen, kein bisschen hier und ein bisschen da.

Die heutige Gesellschaft des Dunklen Zeitalters lebt weitgehend im Zustand der Völlerei, Gier, des Habenwollens, der Anspruchshaltung. Viele Menschen sind nicht mit dem zufrieden, was sie haben, statt dessen sind sie fordernd und wollen immer mehr. Doch wenn sie statt der Wohnung ein Haus und statt dem Haus eine Villa haben, sind sie dennoch nicht zufrieden. Sie werden getrieben von der Gier und Unersättlichkeit ihres Egos und Super-Egos. Wer soviel Unzufriedenheit erlebt, kann niemals glücklich sein. Jeder aber glaubt, einen Anspruch auf glücklich sein zu haben und jagt dem Glück hinterher, ohne es jemals wirklich erreichen zu können: weder die vielgepriesene Kreuzfahrt in der Karibik bringt das Glück noch die exklusive Villa in Marbella. Unersättlichkeit auf der einen Seite – grenzenloser „Hunger“ auf der anderen Seite, ein Hunger, der die Wesen im Inneren zerfrisst und aushöhlt.

So ist auch die Gesellschaft des Dunklen Zeitalters eine hohle und leere Gesellschaft, die – einer Hölle gleich – wie hungrige Löwen sind, die seit langem nichts mehr zu fressen bekommen haben und von ihrem nagenden Hunger gepeinigt werden. Am Ende, in ihrem Hungerwahn, fressen sie sich gegenseitig auf. Das vermeintliche Wohlstands- und Luxus-Leben vieler Menschen erweist sich als Höllentrip, in dem die Wesen an einem gedeckten Tisch sitzen, auf dem die leckersten Speisen stehen, jedoch können sie den Tisch nicht erreichen, da sie auf ihren Stühlen festkleben. Das ist die Konsequenz dessen, was man als anti-göttlich Werden und anti-göttlich Sein bezeichnet.

Gottes Universum ist wie ein reicher Gabentisch, auf dem die schönsten Speisen und Getränke stehen, jedoch können nur die Wesen sie erreichen und davon genießen, die göttlich sind und Gott AMA und SEINER Schöpfung dienen. Es ist die Völlerei und Unersättlichkeit des Gierigen, die ihn von den göttlichen Speisen trennt. Dem Bescheidenen bzw. Genügsamen hingegen steht der göttliche Gabentisch offen.

Für die anti-göttlichen und gierigen Wesen gibt es statt dessen die Speisen des Anti-Gottes: die Würmer des Neides, die Schlangen der Wollust, die Kraken der Gier, die Hyänen der Macht, die Kakerlaken des Zorns, das faulige Wasser der Lüge. Jeder bekommt in diesem Universum, was er verdient – verdient durch sein Leben, durch seine Hinwendung zu Gott oder zum Anti-Gott, durch seine Einstellung und sein Handeln in dieser Welt.

Bescheidenheit ist eine Zier. Sie ist eine Zier des Menschen (mit seinem SGW), der sich Gott hingegeben hat, der IHM dient und IHN ehrt und liebt. Diese innige Verbundenheit mit Gott ist ein so großer Schatz, dass der Gott liebende Diener sich als den reichsten Menschen der Welt sieht. Dies erfüllt ihn, den Gott Liebenden, mit höchster Freude und Zufriedenheit. Es gibt nichts mehr, was er sich wünscht. Alle seine Bedürfnisse sind gestillt. Er ist zutiefst dankbar. Er braucht nichts mehr zu seinem Glück, denn er ist erfüllt von immerwährender Glückseligkeit.

Alle Schätze und alle Güter dieser Welt sind für ihn, den Gott liebenden Diener, im Angesicht seines göttlichen Reichtums nichts und vermögen ihn weder zu locken noch zu verführen. Darauf begründet sich seine Bescheidenheit, Bedürfnislosigkeit und Genügsamkeit. Für ihn gelten andere Schätze und andere Werte als sie in der L’Egoland-Welt auf dem Sockel der Begehrlichkeit stehen. Ihn, der den größten Schatz dieses Universums gesehen und sich mit ihm verbunden hat, lassen diese Begehrlichkeiten kalt. Wer einmal den Hauptpreis gewonnen hat, braucht keine Trostpreise mehr, um ein Stück vom Glück zu erheischen!

Die Bescheidenheit ist somit kein Verzicht oder Verlust, im Gegenteil, sie ist ein Nichtbrauchen, weil man etwas anderes besitzt, welches das Begehrte weit übertrifft. Wer also bescheiden und genügsam ist, signalisiert nach außen, der er die „Schätze“ von L’Egoland nicht braucht, weil er etwas anderes gefunden hat oder besitzt, das über diesen Ego-Schätzen, wie Erfolg, Reichtum, Ansehen oder Macht, steht.

Der Bescheidene gibt mit seiner Bescheidenheit den „Schätzen“ oder Begehrlichkeiten von L’Egoland eine Abfuhr. Dies ist für seinen Herrscher, den Anti-Gott Luzifer, unfassbar. Seine glitzernden und funkelnden Diademe und Preziosen vermögen einen Menschen (und sein SGW) nicht zu verlocken und zu verführen? Wie kann das sein? Er, der Meister der Verlockung und Verführung, muss diese Schlappe erleben?

Das ist die Zier der Bescheidenheit, denn sie ist das Diadem der Demut, der Hingabe und der Ehrfurcht vor Gott AMA, weil man sich in tiefer Liebe diesem höchsten Wesen geweiht hat und in einem göttlichen Akt mit IHM vereint hat. Seitdem sind alle „Schätze“ von L’Egoland bedeutungslos geworden. Der Gott liebende Diener geht seitdem mit Bescheidenheit, Wunschlosigkeit, Zufriedenheit und Anspruchslosigkeit durchs Leben.

Bescheidenheit hat auf Sanskrit mehrere Bedeutungen, darunter auch „Vinaya“. „Vinaya“ steht nicht nur für Demut und Disziplin, sondern auch für Höflichkeit, Freundlichkeit und Bescheidenheit. Demut und Bescheidenheit sind also eng miteinander verbunden. Wer demütig ist, ist in seinem Herzen bescheiden. Wer bescheiden ist, hat ein demütiges Wesen.

Hochmut und Bescheidenheit passen nicht zusammen, denn ein hochmütiges Wesen giert automatisch nach Dingen und möchte immer mehr haben. Seine Ego-Wünsche sind unersättlich und es will gar nicht maß halten und bescheiden leben, denn das würde sein Ego einschneiden. Bescheidenheit ist für den hochmütigen Egoisten ein Fremdwort.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Tugend der Demut notwendig ist, um überhaupt erst in die Tugend der wahrhaften Bescheidenheit eintreten zu können. Ohne Grundlage der Demut ist jede Bescheidenheit unecht und wird scheitern, da sie nicht dem inneren Wesen entspricht. Wer nur bescheiden sein möchte, um sich mit seinem hochmütigen Ego etwas darauf einzubilden und nach außen hin gut darzustellen, ist in einer Schein-Bescheidenheit gefangen, die nichts mit der wahren göttlichen Bescheidenheit zu tun hat. So kann er auch nicht die Früchte der göttlichen Bescheidenheit ernten.

Ein weiteres Wort für Bescheidenheit ist „Anutseka“, d.h. Nicht-Überhebung, Bescheidenheit. Wer bescheiden ist, überhebt sich weder mit seinem Ego über andere, noch stellt es sich mit diesem auf einen Sockel, sondern bleibt mit seinem Ego klein und bescheiden, da er über die Vergänglichkeit und Geringheit des eigenen Egos angesichts der Größe und Ewigkeit Gottes weiß. Man erkennt somit die Sinnlosigkeit eines Egos, das versucht größer als Gott zu sein und sich wie ein Luftballon so stark aufbläht, bis es am Ende zerplatzt.

Ein bescheidenes Wesen hat es nicht nötig, seine innere Seelengröße durch sein Ego nach außen zu zeigen und damit zu prahlen. Es versteckt seine Seelengröße auch nicht, aber es stellt sie auch nicht zur Schau. Vielmehr ist es ein natürliches Zeigen und Nicht-Zeigen der eigenen Seelengröße, die immer mit Demut, Bescheidenheit, Zurückhaltung und Höflichkeit verbunden ist. Ein solches Wesen muss nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und giert auch nicht danach der Erste zu sein, da es die Liebe und Anerkennung von anderen Menschen nicht braucht, um glücklich zu sein. Es ist sich seiner Fähigkeiten bewusst und in sich selbst und seiner inneren Mitte ruhend.

Im dunklen Zeitalter wird die Tugend der Bescheidenheit oft von der anti-göttlichen Seite missbraucht, denn man möchte schließlich von anderen Menschen geachtet und geliebt werden. So wird die Tugend der Bescheidenheit zu einer Tugend des Eigeninteresses des Egos. Jedoch ist niemand mit Angebern, die fortwährend mit ihren Talenten und Taten protzen, gerne zusammen, denn Eigenlob stinkt. Wer dagegen bescheiden auftritt, hat bereits zur Hälfte gewonnen. So versucht das Ego künstlich sich als nicht wichtig aufzuspielen, auch wenn es sich insgeheim natürlich für wichtig hält. Das Ego hat die Tugend der Bescheidenheit folgendermaßen umgedreht: „Bescheidenheit bedeutet nicht, dass man sich nicht hervortun sollte, sondern nur, dass man sich bei seinem Hervortun nicht hervortun bzw. auffallen sollte.“

Viele Menschen im Dunklen Zeitalter geben sich zwar bescheiden, sind es aber nicht wirklich. Die einen tun es als Taktik ihres Egos, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Andere haben ein gestörtes Selbstbewusstsein bzw. SGW-Selbstbewusstsein und glauben durch übermäßige Bescheidenheit besser durchs Leben zu kommen. Mit ihrer übertriebenen Bescheidenheit tragen sie dazu bei, dass andere noch genusssüchtiger, noch begieriger, noch unersättlicher und noch maßloser werden. So stärken sie nicht die Tugend der Bescheidenheit in dieser Welt, sondern genaugenommen die Todsünde der Gier und Völlerei.

Bescheidenheit ist eine Zier des göttlichen Menschen seinem Schöpfer und Herrscher gegenüber: Gott AMA. Sie darf niemals zu einer Taktik verkommen und auch niemals als Taktik verwendet werden. Sie muss immer wahrhaftig sein, sauber und rein in allem. Sie muss aus der Liebe des Herzens kommen. Sie muss aus dem Bewusstsein kommen, dass derjenige, der die Schätze Gottes gesehen und erlebt hat, der reichste Mensch (das reichste SGW) dieses Universums ist. Gegen die Schätze Gottes sind alle anderen Schätze, insbesondere jene des Anti-Gottes, nur Attrappen und billiger Schund. Und weil das der Gott liebende Diener weiß, können ihn all die wertlosen Glitzersachen des Anti-Gottes nicht mehr verlocken.

Da er aber auch weiß, dass es ihm nicht zusteht, den Anti-Gott und seine L’Egoland-Welt zu beschimpfen, über ihn zu urteilen oder ihn zu verurteilen, reagiert er mit Bescheidenheit, Bedürfnislosigkeit, Genügsamkeit und Höflichkeit auf dessen Verlockungen und Verführungen. Der Bescheidene weiß, dass nur Gott AMA allein das Recht hat, über andere zu urteilen und so fügt er sich mit Bescheidenheit, Demut und Hingabe in die göttliche Weisheit und Autorität.

 

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