Tugend 3: Ehrlichkeit

Ehrlichkeit ist die Schwester von Wahrhaftigkeit. Bevor ein Wesen wahrhaftig werden und sein kann, muss es in die Ehrlichkeit eingetreten sein.

Im Dunklen Zeitalter der L’Egoland-Welt herrscht ein unehrlicher Lebensstil. Dieser reicht vom simplen Schwindeln bis hin zur Lüge und zum Betrug. Die Wesen konnten so experimentieren, wie sich „Leben“ gemäß diesem Lebensstil anfühlt, wie es funktioniert, was es mit ihnen macht und was es ihnen bringt.

Wenn die Wesen erkennen, dass Schwindeln, Lug und Trug ihnen weder Zufriedenheit noch Glück bringen, sondern dass sie darunter viele Probleme haben oder sogar leiden, können sie sich, nachdem sie an die „Schmerzgrenze“ oder „Genuggrenze“ kommen, dazu entscheiden, den alten, unehrlichen Lebensstil aufzugeben und (wieder) in die Ehrlichkeit zu kommen.

Es gibt 3 Arten von Ehrlichkeit:

1. Die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber
2. Die Ehrlichkeit anderen gegenüber
3. Die Ehrlichkeit Gott gegenüber

Der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber steht die Selbsttäuschung, der Selbstbetrug und die Selbstlüge. Man möchte einer Sache oder Situation, die mit einem selbst zu tun hat, nicht in die Augen schauen, man möchte sie nicht sehen, sich nicht eingestehen, etwas nicht zugeben, man möchte nach außen etwas darstellen, das man nicht ist.

Ein simples Beispiel: eine Frau geht ganz auf in der Rolle als fürsorgliche Ehefrau und Mutter von zwei Kindern. Alles dreht sich für sie um das Wohl ihrer Lieben, die für sie an erster Stelle stehen. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie zurückgestellt. Obwohl sie eigentlich eine energische Frau ist, gibt sie sich in der Familie als anpassungsfähig und ordnet sich den Wünschen ihrer Lieben unter. In Wirklichkeit jedoch ist sie oft frustriert über ihr großes Arbeitspensum als Hausfrau und Mutter und wünscht sich, sie hätte mehr freie Zeit für sich und ihre Bedürfnisse. Sie ärgert sich über ihre Lieben, die alles auf ihr abladen und selbst kaum Hand anlegen. Sie fühlt sich oft ausgenutzt, was sie insgeheim ärgert. Sie macht sich vor, unentbehrlich zu sein und nur dann von ihrer Familie geliebt zu werden, wenn sie sich aufopfert. Anstatt zu ihren eigenen Bedürfnissen zu stehen, leugnet sie sie. Nach außen, gegenüber Freunden und Bekannten, hat sie sich ein Image als hingebungsvolle und glückliche Frau und Mutter aufgebaut, so dass andere sie beneiden.

Diese Frau führt ein Leben in Selbsttäuschung, Selbstlüge und Selbstbetrug. Sie ist unehrlich sich selbst, ihren Wünschen und ihren Bedürfnissen gegenüber. Wäre sie ehrlich, müsste sie ihr Leben, ihre Gewohnheiten und Muster vollkommen ändern. Diese Frau hat zwei Möglichkeiten: entweder ihr Leben gemäß dem alten Muster weiterzuführen und innerlich zu leiden oder ihr Leben und sich selbst zu ändern, um aus der Leidspirale auszusteigen und ihrem Leben eine neue Qualität zu geben.

Selbstbetrug und Selbstlüge führen auf Dauer dazu, dass der Graben zwischen wahrem Ich und unehrlichem, betrügerischem Ich immer größer wird. Das wahre Ich leidet unter der Vorherrschaft des unehrlichen, betrügerischen Ich. Dieses Ungleichgewicht fordert mit den Jahren seinen Tribut: viele Menschen werden krank, psychisch wie körperlich oder brechen ganz zusammen.

Wenn man der Wahrheit in die Augen schaut und erkennt, dass man sich selbst viele Jahre seines Lebens in vielen Dingen getäuscht, belogen und betrogen hat, so kann das ein Schock sein. Es ist so, als stürze man selbst bzw. das innere Lügen-Kartenhaus in sich zusammen. Fragen tauchen dabei auf wie: „Wer bin ich wirklich? Was will ich wirklich? Wenn ich ehrlich bin, was würde ich in dieser Situation am liebsten tun?“ Man macht sich auf den Weg, sich ehrlich anzuschauen und zu beobachten. „Bin ich wirklich das, was ich vorgebe zu sein? Verleugne ich nicht womöglich Eigenschaften oder Bedürfnisse an mir, die mir nicht gefallen oder die mir nicht passen? Spiele ich
nicht oft irgendeine Rolle, nur weil ich anderen zu Gefallen sein will?“

Wenn der Wunsch und die Bereitschaft bestehen, vom unehrlichen in einen ehrlichen Lebensstil zu wechseln, muss man lernen, sich selbst gegenüber vollkommene Ehrlichkeit walten zu lassen. Man muss sich immer wieder fragen: „Bin ich wirklich mit dem Leben zufrieden, das ich jetzt habe? Wenn nein, was ist es genau, warum ich unzufrieden bin? Was will ich wirklich? Was würde sich jetzt ehrlich, wahrhaftig und gut für mich anfühlen?“ Man muss sich immer wieder dazu ermahnen, in jeder Lebenssituation ehrlich zu sein: „Sei ehrlich: was möchtest du jetzt wirklich?“ So kommt man dem eigenen, wahren Ich bzw. Selbst immer näher und kann im nächsten Schritt dann dazu übergehen, mutig das, was man ehrlich möchte, auch wirklich auszuführen.

Hat man beispielsweise bisher immer zugestimmt, mit dem Partner oder der Partnerin in die Berge zu fahren, obwohl man viel lieber ans Meer gefahren wäre, kann man nun ehrlich sein und seine Meinung artikulieren. Das mag für den Partner bzw. die Partnerin anfangs ungewohnt und daher womöglich unangenehm sein, jedoch wird man sich selbst dabei viel besser fühlen: man wird mehr Selbstrespekt haben, weil man sich nicht ständig klein macht, sondern den Mut und die Kraft hat, ehrlich zu sagen, was man möchte und was nicht.

Ehrlichkeit, zu sich selbst zu stehen, zu dem was man ist und was man möchte, fördert den Selbstrespekt und die Selbstachtung. Ein unehrliches Leben führt dazu, dass man sein wahres Naturell und seine wahren Bedürfnisse verleugnet, nur weil man beispielsweise Angst davor hat, von anderen kritisiert, bewertet oder abgelehnt zu werden. So wird man zum angepassten Mitläufer, zum Duckmäuser, der kein Rückgrat hat und sich klein macht, zum Angsthasen, der sich nicht traut, seine Meinung zu sagen und zu dem zu stehen, was er für richtig hält. All das führt dazu, dass man vor sich selbst den Respekt und die Achtung verliert.

Ehrlichkeit hat mit Ehre und Ehrerbietung zu tun. Diese kann man nur einem Wesen entgegenbringen, das sich entsprechend verhält und eine entsprechende Ausstrahlung hat. Wer ehrlich und wahrhaftig sein wahres Ich bzw. Selbst lebt, bringt sich selbst Ehre und Ehrerbietung entgegen. So gesehen fördert also Ehrlichkeit eine Haltung der Ehre und Ehrerbietung, die wir für uns selbst entwickeln und leben.

Ehrlichkeit hat primär immer mit uns selbst zu tun. Solange wir in Unehrlichkeit leben, sind wir eingebunden in ein Lügengeflecht, das zwischen uns und anderen besteht. Wenn einer falsch spielt, spielen auch die anderen falsch, das ist das Gesetz der Resonanz. Indem wir anfangen ehrlich und wahrhaftig zu sein, durchbrechen wir das Lügengeflecht, das uns mit anderen verbindet. Wenn wir ehrlich sind und ehrlich agieren, ohne den anderen zu brüskieren oder zu attackieren, wird dies beim anderen die entsprechende Resonanz erzeugen. Die Menschen erkennen und spüren in der Regel, wann und ob jemand unehrlich oder falsch spielt und wann genau das Gegenteil der Fall ist.

Indem wir selbst ehrlich sind und ehrlich handeln, erweisen wir nicht nur uns Ehre und Ehrerbietung, sondern auch unseren Mitmenschen. Wir speisen sie nicht mit Täuschung, Lug und Betrug ab, sondern wir erweisen ihnen Respekt mit unserer Ehrlichkeit. Wir zeigen ihnen, dass sie es uns wert sind, dass wir ehrlich und wahrhaftig mit ihnen umgehen. Wir erzeugen ein ehrliches Miteinander, einen ehrlichen Lebensstil, indem sich keiner mehr verstellt und den anderen belügt und betrügt.

Manche Menschen denken, Ehrlichkeit würde andere Menschen vor den Kopf stoßen und es gäbe doch auch Menschen, die Ehrlichkeit nicht vertragen können. Dies geschieht nur dadurch, dass manche Menschen Ehrlichkeit mit „den anderen brüskieren, ihm knallhart die sogenannte ehrliche Meinung sagen“ verwechseln. Hier handelt es sich um eine angreifende, verletzende Ehrlichkeit. Dies ist eine Pseudo-Ehrlichkeit wie sie häufig in L’Egoland gelebt wird, die aber nichts mit der wahrhaften Ehrlichkeit eines friedensorientierten Lebensstils zu tun hat.

Wahre Ehrlichkeit ist sachlich, wertfrei und neutral, d.h. weder „weiß“ noch „schwarz“, also weder schmeichelnd noch angreifend. Sie kommt aus der Urtiefe des Herzens, aus einem hohen Bewusstsein und aus der höheren Natur des Menschen. Sie sieht die Dinge so wie sie sind – vollkommen klar und bewusst, frei von Emotionen, frei vom Ego.

Ein solcher Mensch ist sich seines Selbstwertes bewusst und handelt aus Selbstachtung und Selbstrespekt sowie aus der Achtung und Respekt anderen Menschen gegenüber. Wenn er in sich ein „ja“ verspürt, sagt er ehrlich „ja“ und nicht „nein“; wenn er in sich ein „nein“ verspürt, sagt er ehrlich „nein“ und nicht ja; wenn er in sich eine Schwäche spürt, spielt er nicht den Starken, sondern steht ehrlich zu seiner Schwäche; wenn er in sich Mitgefühl spürt, spielt er nicht den Coolen, sondern steht zu seinen Gefühlen.

So ist dieser Mensch in jeder Situation ehrlich mit sich selbst und ebenso anderen gegenüber. Das macht ihn zu einer authentischen Persönlichkeit, die eine glaubwürdige Ausstrahlung hat und glaubwürdig handelt.

Wenn wir ehrliche Menschen werden, fallen alle unsere Rollenkostüme und unsere Panzer, die wir um uns aufgebaut haben – zu unserem sogenannten Schutz – ab bzw. werden gesprengt. Wir werden frei von Rollenmustern und Rollenverhalten. Wir spielen nicht mehr irgendwelche Rollen, sondern wir werden wir selbst.

Das kann dazu führen, dass wir anfangs oft gar nicht wissen, wer oder was wir eigentlich selbst sind und was wir in bestimmten Situationen wollen oder nicht. Dies liegt daran, dass wir mit unserem unehrlichen Lebensstil so intensiv verhaftet sind und ein dementsprechendes Bewusstsein haben. In diesem Bewusstseinsraster ist keine Ehrlichkeit vorhanden, dafür aber Taktik, Schmeicheln, Tricksen, sich verstellen, Lügen usw.

Wer also den Weg der Ehrlichkeit gehen möchte, muss sein Bewusstsein verändern und damit all die Faktoren, die unser Bewusstsein ausmachen. Man muss sich ein Ehrlichkeitsbewusstsein aufbauen und parallel dazu das Unehrlichkeitsbewusstsein abbauen. Durch ein Ehrlichkeitsbewusstsein wird uns bewusst, wann wir ehrlich sind und ehrlich handeln, wie es sich anfühlt, was es bewirkt – bei uns selbst und bei anderen, usw.

So wie wir mit uns ehrlich sein müssen und im weiteren mit anderen Menschen, müssen wir auch mit Gott ehrlich sein. Wie oft schwindeln, lügen oder betrügen Menschen und denken, dass die höchste Macht und Kraft in diesem Universum, Gott, dies nicht sieht. Täuschung, Lug und Trug mögen oft vor den Augen der anderen verborgen bleiben, aber vor den Augen der Allmacht dieses Universums sind sie immer sichtbar. Menschen können sich in das Fell eines Schafes kleiden und so tun, als seien sie Unschuldslämmer, aber vor Gott können sie niemals verbergen, dass sie ein Wolf im Schafspelz sind. Die „Augen“ Gottes sehen alles in diesem Universum. Lug und Trug sind keine Kavaliersdelikte, sondern eine Verletzung der Selbstehre und der Ehre anderer Wesen. Dies zieht stets Konsequenzen auf das Leben und das Wesen des Menschen nach sich. Solche Konsequenzen können Karma oder starkes Leid sein, die den Menschen und sein Leben belasten.

Ehrlichkeit muss sich durch alle Bereiche des Lebens ziehen. Sie betrifft die täglichen Lebensabläufe und Gewohnheiten ebenso wie unsere persönlichen Lebensbedürfnisse. Überall dort, wo bisher Unehrlichkeit geherrscht hat, wo wir uns selbst und unsere Bedürfnisse verleugnet oder unterdrückt haben, müssen wir in die Ehrlichkeit zurückkommen oder in diese eintreten.

Wenn wir ehrlich erkennen, dass wir von Gier durchs Leben geleitet werden und gierig nach allem lechzen, uns dafür verstellen, dafür lügen und betrügen, und darunter leiden, müssen und können wir diese Wurzel des Übels bearbeiten und sie aus unserem Inneren entfernen.

Wir müssen uns selbst und unser Leben wertschätzen und in Ehrlichkeit das tun, was unser Leben lebenswert macht und das, was wir als Geburtsgut mitbekommen haben, also unsere Eigenschaften, Anlagen und Talente, zur Entfaltung und zum Leben bringen. Nur so werden wir wahrhaft zufriedene und glückliche Menschen. Das ist unsere göttliche Aufgabe und unsere Bestimmung.

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